Notizen über die allgemeine Verunsicherung

Uh-uh-uh-uha!

Für mich ist das Ergebnis der Wahl von „The Banküberfalls“ eine Überraschung: Neandertal gewann vor Der Tod und S'Muaterl. Ja, ich hatte noch nicht mal Neandertal in meiner persönlichen Top-10. Daran sieht man halt wieder, dass es ganz schön schwierig ist, aus den circa 170 Liedern der EAV plus aller Varianten nur zehn auszuwählen. Neandertal ist auf jeden Fall ein würdiger Sieger, ein großartiges zeit- und gesellschaftskritisches Werk, das auch mit einer herausragenden Live-Performance auf der Kunst-Tour zum besten gegeben wurde. Es ist eine Overtüre wie sie besser nicht sein kann, doch auf Watumba fast deplatziert wirkt. Die Ironie der Sache: Neppomuk's Rache als eines der besten Alben der EAV stellte zwar fast die meisten Lieder in den Top 50, die Nummer 1 jedoch nicht. Trotzdem ist das kein Zufall. Schließlich entstanden Neppomuk's Rache und Watumba in derselben Session. Also ist doch Neppomuk's Rache der eigentliche Gewinner.

Die Lektüre der Top 50 ist spannend wie ein Krimi. Manche Lieder scheinen über-, manche unterbewertet. Zum Beispiel dürfte das nie auf Tonträger erschienene Lied Hexen vor allem auch vom Mythos-und-Insider-Bonus profitiert haben. Anders ist mir nicht zu erklären, warum es vor Wir marschieren oder Küss die Hand Herr K. auf einem sensationellen Platz 12 landete. Noch mehr Insider-Mythos besitzt wohl „Wir kommen alle in den Himmel“ (nur live auf der Himmel&Hölle-Tour gespielt). Der Platz 31 ist aber fast schon zuwenig. Ein kleiner Auszug aus dem Text: „Ich saufe gerne im Puff Champagner/weil meine Frau mir nichts mehr geben kann. Komm ich nach Haus dann, schlag ich sie blau dann,/und schau mir einen Kinderporno an./Dann bete ich ein Vater Unser,/dass ich katholisch und kein Neger bin./Nur kein Gemunkel für “Licht ins Dunkel„,/da leg ich gerne zwanzig Märker hin.“ Und das sang Klaus in Bischofsgewande (inklusive Mytra)!

Es ist ja bereits wohlbekannt, dass die Single-Hits der EAV nicht unbedingt die besten Lieder der jeweiligen Alben sind. Auch das spiegelt sich im Ergebnis der Wahl nieder. Am besten ist Fata Morgana auf Platz fünf vertreten. Dann kommen Ba-Ba-Banküberfall und Burli (Platz 8 und 9). Keine Überraschungen also, wenn man davon absieht, dass Go Karlie Go auf einem abgeschlagenen Platz 37 landete.

Vermisst habe ich besonders die Lieder auf Café Passé. Der Live-Dauerbrenner Wir marschieren ist zwar mit Platz 13 (Live-Version) bzw. Platz 28 (Album-Version) gut platziert, aber ansonsten taucht nur noch Aberakadabera auf Platz 44 auf. Aber na ja. Die Stärken dieses Album liegen ja vor allem am Gesamtwerk. Sehr gefreut hat mich hingegen, dass es vom Erstlingswerk 1. allgemeine Verunsicherung immerhin die schöne Ballade Uschi auf Platz 43 geschafft hat. Das ist besonders erstaunlich, da es erfahrungsgemäß bei allen solchen Umfragen die neueren (und im Gedächtnis noch präsenteren) Lieder einfacher haben. Beispielsweise kann Frauenluder (Platz 15) mit Sicherheit davon profitieren, dass es vom aktuellen Album stammt. Ich persönlich finde übrigens Eierfranz (Platz 35) wesentlich besser gelungen.

Platz 1 für die größte Überraschung gebührt dem wohl schwächsten (wenn man das bei dem hohen Niveau überhaupt sagen kann) Lied von Geld oder Leben: Es g'winnt a jeder landete auf Platz 32.

Wer nun die besten fünfzig Lieder auf eine Doppel-CD brennen möchte, wird von Florian und „The Überfalls“ mit genügend Stoff versorgt. Es gibt zwei Covervorschläge zum Ausdrucken. Einsame Spitze ist sicherlich „Sex & Drugs & Glitzersakkos - Die EAV schiebt 40 Glanznummern“, aber auch „Das Ding der NieGelungen - Die Heldensage der EAV in 36 Titeln“ ist nicht zu verachten.

Austro-Pop-Show - das tot-weiss-tote Finale

Im ganzen Abstimmungswirbel ist eine weniger erfreuliche Abstimmung ganz untergegangen: In der Austro-Pop-Show auf ORF1 landete die EAV auf dem zehnten und somit letzten Platz:

  1. Reinhard Fendrich (I am from Austria)
  2. Hubert von Goisern (Hearst as nit)
  3. Falco (Amadeus)
  4. Christl Stürmer (Mama)
  5. Wolfgang Ambros (Da Hofa)
  6. Opus (Live is life)
  7. Georg Danzer (Jö schau)
  8. DJ Ötzi (Anton aus Tirol)
  9. Marianne Mendt (A Glock'n)
  10. EAV (Märchenprinz)

Die Zuschauer haben also eine pseudo-patriotische Alpen-Ballade von Reinhard Fendrich auf Platz 1 gewählt. Der Mann ist sicherlich gut, aber den ersten Platz hat er bestimmt allein diesem Lied zu verdanken. Auch Hubert von Goisern sei der zweite Platz gegönnt, ebenso Falco der dritte. Aber dann wird es düster. Christl Stürmer auf Platz 4! Skandal! Schiebung! Unverschämtheit! Und Opus, die mit ihrem One-Hit-Wonder Live is life, schafften es doch tatsächlich auf Platz 6! Na na nanana! Wäre das nicht schon schlimm genug, DJ Ötzi zwei Plätze vor der EAV? Wie gibt es das? Wer ist da zuständig beim ORF? Ging es da mit rechten Dingen zu? Ich wage es zu bezweifeln. Verklagen! Ich muss den ORF verklagen! Wegen fahrlässiger Gehörgang-Beleidigung und unzulässiger Geschmacksverirrung. Bei Marianne Mendt klingelt die Glock'n, aber viel mehr auch nicht. Und trotzdem ist sie vor der EAV! Mein Gott! Austro-Pop in tot-weiss-tot! Außerdem: Wenn eine Sendung schon von Arabella Kiesbauer, der Miss Ich-finde-Talkshows-scheiße-komme-aber-erst-10-Jahre-später-drauf-dass-ich-selber-eine-solche-moderiere, geleitet wird, kann es nicht gut geh'n. Wofür zahle ich eigentlich keine Rundfunkgebühren in Österreich, wenn damit die Arabella bezahlt wird? Und überhaupt. Dieser ORF, dieser Sender ...

Alex M. (Name aus datenschutzrechtlichen Gründen verändert) bat mich auf seinem Krankenbett, diesen Text, den er vor seiner Einweisung in das Spital diktierte, auf seine Homepage zu stellen. Diesem Wunsch entspreche ich hiermit. Für alle besorgten Leser kann ich ausrichten, dass es ihm gut geht und er sehr gut auf seine Therapie anspricht. Allerdings müssen Sie wohl für einige Zeit auf seine Beiträge auf dieser Homepage verzichten, da seine Medikamente ihn daran hindern, vollständige Sätze zu bilden. Außerdem sind Computer in seiner Zelle zu seinem eigenen Schutz verboten.

Beste Grüße und ein gutes neues Jahr wünscht Prof. Dr. Larifari, Chefarzt Abteilung musikalische Psychatrie, Spitalo Fatalo

Autor: Alexander Mayer

Letzte Änderung: 27.12.2004