Notizen über die allgemeine Verunsicherung

2021 wird vorbei gewesen sein

Jetzt mal ehrlich: Das Jahr 2020 war nicht so dolle. Deshalb muss der Jahresrückblick für das Jahr 2020 ausfallen. Stattdessen gibt es jetzt schon einen Rückblick für das Jahr 2021. Für die einen ist es eine Fiktion, für andere gar eine Utopie und für die Germanisten ein Fest für Futur II. Jedenfalls ist es wieder ein sehr langer Absatz.

Keine Frage, er ist der Verlierer des Jahres: Karl „wir werden alle sterben“ Lauterbach, dem Chuck Norris der Spielverderber, hört einfach keiner mehr zu. Ohne Mandat, ohne Parteiposten, ohne Thema, nachdem die COVID-19-Impfung erfolgreich den Virus vertrieb. Nur noch das von Barbara Schöneberger und Alexander Kekulé moderierte „Riverboat“ im MDR lädt ihn alle paar Monate noch ein. Bitter. Aber immer noch besser, als bei Talkmaster Markus Lanz eingeladen zu werden. Nachdem der Virus von den Medien als „auserzählt“ deklariert wurde, fand sich Markus Lanz bei der verzweifelten Suche nach Themen in der Welt der Reality Shows wieder und lädt seitdem nur noch Realitystars ein, die sich durch Mobbing und Dummheit im TV eine Karriere aufbauten. Ansonsten verirren sich noch arbeitslose Comedians in seine Sendung, die nach Donald Trumps Abwahl und der gestiegenen Akzeptanz der „Fridays for Future“-Bewegung nichts mehr zu sagen hatten (außer Mario Barth, der glaubt bis heute nicht der Lügenpresse, dass Trump abgewählt wurde). Doch nicht alle in der Showbranche sind arbeitslos: Nach dem de-humorisierten Jahr 2020 begann eine Renaissance der 50er Jahre, ein neues Jahrzehnt des Eskapismus machte Humoristen zu den neuen Virologen, Kabarettprogramme zu neuen Talkshows und Restaurantbesuche wurden beliebter als Klopapier-Hamstern. Nachdem der ORF das Schulfernsehen am Vormittag wieder reaktivierte, sorgte der bayerische Kurz-Nacheiferer Markus Söder dafür, dass das Bayerische Fernsehen am Vormittag und Nachmittag nur noch Schulfernsehen aus den 80ern zeigt. Dass die Präsenzpflicht an den Schulen abgeschafft wurde, war dann nur der nächste logische Schritt zum modernen Homeschooling mit Laptop, proprietären Insel-Videokonferenzlösungen und Lederhose. Die bayerische Regierung erreichten begeisterte Fax-Schreiben, nur Karl Lauterbach, der frischgebackene Chuck Norris der Bildungspolitiker, forderte noch härtere Maßnahmen der Blöderie-Bekämpfung: 24h Dauer-Schulfernsehen. Die Eltern jedenfalls, die jetzt endlich ihr verkanntes, hochbegabtes Genie zu Hause im Reihenhaus zum nächsten Nobelpreis-Gewinner formen konnten, waren begeistert. Die Lehrer auch, da die Elternabende gestrichen wurden. Homeschooling — yeah! Homeoffice — jo! Und sogar Homethinking hat wieder zugenommen, nachdem die Querdenker-Bewegung erkannt hat, dass sie einem sehr geschäftstüchtigen Unternehmer und keinem Retter des Grundgesetzes gefolgt sind. Dass sich die tapfere weißrussische Opposition, die unermüdlich und erfolgreich Druck auf Diktator Lukaschenkow ausübte, bei der „Querdenker“-Bewegung dafür entschuldigte, dass sie das Wort „Freiheit“ verwendeten, wohingegen doch die mutigen „Querdenker“ für die wahre Freiheit kämpften, nämlich die Freiheit des Gesichtserkers, führte dann doch dazu, dass so mancher Esoterik-Querkopf peinlich berührt war. Einer repräsentativen Umfrage des verUNsicherung.de-Instituts zufolge, glauben nur noch 20% aller „Querdenker“, dass Angela Merkel eine Satanistin sei. 90% aller „Querdenker“ hegen mittlerweile Zweifel an der Theorie, dass Bill Gates den Coronavirus mit den Reptiloiden zusammen erschaffen hat, um alle Menschen mit einem geimpften Chip kontrollieren zu können. Lediglich 5% aller „Querdenker“ möchten den Kaiser im Deutschen Reich zurück und meinen damit weder Franz Beckenbauer noch Markus Söder. Ausgerottet ist mittlerweile die Theorie, dass Xavier Naidoo noch alle Sinne beisammen hat. Egal. Die neugegründete Stiftung „Denkmann“, ausgestattet mit üppigen Steuer-Nachzahlungen aus den im Jahr 2021 rückwirkend ausgehebelten Steuersparmodellen der Großkonzerne, kümmert sich liebevoll um die gescheiterten Existenzen des Jahres 2020: die nicht Nichtdenker, die Egoisten ohne Maske, die „Freie Lätsche für freie Bürger“-Fraktion. Da ihnen keiner mehr zuhört, sie niemand mehr sehen will, kommen ehrenamtliche besorgte Bürger einmal pro Monat zu ihnen nach Hause und nicken zustimmend zu ihren „wissenschaftlichen“ Erkenntnissen, die sich gestern mal eben zusammengegoogelt haben. Jeder hat das Recht auf Blödheit, wir leben in einem freien Land. Ein freies Land, das die Helden des Corona-Jahres endlich würdigte. Nachdem im Jahr 2019 die Bertelsmann Stiftung noch vermeldete, dass Deutschland die Anzahl der Kliniken halbieren sollte, ist man im Jahr 2021 nun zur Vernunft gekommen und verbreiterte die medizinische Versorgung in der Fläche und verdoppelte das Gehalt aller Pflegeberufe. Es war das Jahr der Medizin. Alle feierten, nur Karl Lauterbach, der Chuck Norris der Krankenhaus-Keim-Bezwinger, forderte noch mehr Krankenhäuser (eines pro Straße) und ein dreifaches Gehalt für alle. Die Krankenpflege-Barbie wurde die erfolgreichste Puppe, das Intensivstation-Set von Lego ein Bestseller, Ärzte übernahmen die Moderation der „Tagesthemen“ und die jungen Menschen feierten die Pflege-Influencer auf TikTok, die den Tippy-Toppy-Distance-Move zum Megatrend der sozialen Netzwerke machten. Seit Anfang des Jahres boomen die Krankenpflegeberufe und die „BILD“ titelte: „Mega-Run auf die Bettpfannen!“. Es war ein gutes Jahr. Für großes Staunen sorgte ein Achtungserfolg der neuen grünen Kanzlerin Annalena Baerbock, die deutsche Autoindustrie zur „E-Mobil-First, SUV last“-Kampagne zu treiben. Gefeiert von der Opposition und ihrer eigenen Partei wurde ihr Schachzug, den Koalitionspartner CDU/CSU mit dem Posten des Verteidigungsministers ruhig zu stellen. Andreas Scheuer als Verteidigungsminister ist der größte Erfolg des Pazifismus in Deutschland. Niemand wird so viele Projekte in den Sand setzen, niemand wird so schlecht seine illegalen Machenschaften vertuschen und niemand wird so viele Günstlingsgeschäfte abschließen wie DJ Scheuer. Bereits nach zwei Jahren Amtszeit wird die Bevölkerung eine vollständige Demilitarisierung der Bundeswehr verlangen, damit Super-Andi keine Schäden mehr verursachen kann. Dass Markus Söder nicht als Kanzler kandidierte, erstaunte Politikbeobachter nicht. Schließlich hatte er erkannt, dass Politik außerhalb Bayerns nicht im Alleingang geht und auch ein Kanzler sich abstimmen muss mit Kabinett und Parlament. Und dass einen Lockdown zu verhängen einfacher ist, als Probleme zu lösen und die Zukunft zu gestalten. So blieb der Regionalfürst dann bei seinen Kronvasallen im Bayernland, ließ sich für seine Aktion „Bavaria Hosianna“ feiern, bei der er wie in Rumänien zweimal am Tag durch Polizeiauto-Lautsprecher die Bayernhymne durch die bayerischen Städte und Dörfer klingen ließ. Und er ließ es medial langsamer angehen, indem er nur noch jede zweite Woche bei Markus Lanz vorbei schaute. Karl Lauterbachs Forderung nach härterer Musik verstummte im ruhig gewordenen Medienzirkus. Feierlich erklang zum Abschluss des Beethoven-Jubiläums-Nachholjahr und zur Begrüßung des neuesten EU-Mitglieds Schottland die „Ode an die Freude“. Prosit, Neujahr!

Autor: Alexander Mayer

Letzte Änderung: 03.01.2020