Ich habe Fragen: Gert Steinbäcker in Obertraubling
Ich habe Fragen. Die Donau, die sich wohltuend uneinsichtig verschnörkelt durch die Stadt Regensburg in mehreren künstlichen und natürlichen Verästelungen schlängelt, hat noch Wasser. An der steinernen Brücke raucht die Wurstkuchl ihre Holzkohle in den Wind, die Strudel zwischen den massiven mitelalterlichen Pfeilern tanzen irgendeinen Techno-Move und keinen Donauwalzer. Also alles wie immer? Während in Rumänien das einzige Atomkraftwerk abgeschaltet wird, weil die Donau zu wenig Pegel hat, laufe ich am Donauufer entlang und die Sonne brüllt. Ja, sie brüllt. Die partielle Sonnenfinsternis am Tag davor war eine Schweigeminute, keine Verdunklung. Nicht weil es keine Papp-Sofi-Brillen mehr gab. Und nicht, weil die Vögel ebenfalls wie ich Fragen hatten und plötzlich still waren, weil es plötzlich dunkel wurde, obwohl doch die Natur eigentlich zuverlässiger als die Deutsche Bahn ist. Sondern weil die Sonne mal für ein paar Minuten nicht brüllte. Wer will denn schon wochenlang angebrüllt werden? Ich nicht.
Ich habe aber noch mehr Fragen. Ich höre etwas genauer hin und stelle fest: Die Sonne von Regensburg ist ein Blasorchester, laut und blechern, ja, aber melodisch! Kein Brüllen im Weltkulturerbe. Ist das dieser Urlaub, von dem alle sprechen? Wird da aus einer erdrückenden Hitze ein entspannendes Schwitzbad? Oder liegt es an der Vorfreude auf das Konzert am 13.8.2026 von Gert Steinbäcker in der Eventhall Airport?
Ich habe Fragen. Kündigte Gert Steinbäcker im Jahr 2022 eigentlich nicht an, auf letzter Tour zu sein? Und war diese letzte Tour nicht schon beendet? Oder ist das, was ich heute Abend sehe, nur eines von ein paar „Sommerkonzerten“, die nach Steinbäckscher Definition keine Tour sind? Ich frage nicht weiter nach, denn Wiedersehen macht Freude, viel mehr als das Nachdenken über Ankündigungen, die nicht eintreten. Nach den Sommerkonzerten wird Gert Steinbäcker ankündigen, dass im Jahr 2027 Schluss mit großen Tourneen sei. Aber davon wusste ich hier noch nichts. Ich habe keine Fragen, ich nehme zur Kenntnis. So stehe ich nun an einem dieser zwei Arme der Donau, die Regensburg so pittoresk wirken lassen, und freue mich auf die Fahrt zur Eventhall Airport.
Ich habe Fragen. In einem Gewerbegebiet außerhalb von Regensburg, der Ortskundige nennt die Ortschaft Obertraubling, ist alles, was man so kennt, wenn man in ein Gewerbegebiet außerhalb von überall fährt. Da sind Supermärkte, Drogerien, die BayWa und diverse Outlets von allem, was teuer ist und außerhalb von überall dann etwas günstiger wird. Und am Rande des Gewerbegebiets außerhalb von überall wartet ein Veranstaltungsort auf Konzertbesucher, die wie Heuschrecken-Schwärme von der Autobahn und den Ausfallstraßen Regensburgs einströmen und von sicher dürftig bezahlten fleißigen Helfern bereits beim ersten Supermarkt abgefangen werden und auf Parkplätze vor, neben und hinter allen anderen Gewerbebehausungen im gesamten Gewerbegebiet verteilt werden. Wenn die Kasse geschlossen wird, die Werbeständer und Grabbelkisten vor den Geschäften wieder in die Läden geschoben werden und die fleißigen Einzelhandelskauffrauen und -männer nach Hause fahren, füllen die Konzertbesucher jede einzelne einsame Parklücke im Obertraubling.
Ich habe Fragen. Wo ist der Airport, nach dem der Veranstaltungsort benannt wurde? Es stellt sich heraus, dass es keine Antwort gibt. Außer: Die Konzerthalle war mal eine Discothek, die „Airport“ hieß. Und in dunkler Nazi-Vergangenheit gab es tatsächlich in der Nähe einen kleinen militärischen Flughafen, doch der hatte verbrecherische Aufgaben zu erfüllen und ein dazugehöriges Konzentrationslager lässt einen an der Menschheit zweifeln. Doch all das sind keine Gedanken, die in diesem kleinen Bericht weiter verfolgt werden sollen. Besser ist es da, sich noch mehr Fragen zu stellen. Warum spielt als Support Act vor Gert Steinbäcker das Dominik Plangger Duo? Und zwar fast 45 Minuten lang? Für Steinbäcker und seine Band, die von ihm als „Nachwuchsgruppe“ vorgestellt wurde, blieben nur 60 Minuten Programm plus eine halbe Stunde Zugaben.
Da habe ich schon wieder Fragen. Wer ist Dominik Plangger und was macht er auf einem Gert-Steinbäcker-Konzert? Im Laufe der knappen Dreiviertelstunde seines Vorprogramms erzählte er von Südtirol, von Wien, von seiner Alm in der Schweiz, auf der er arbeitet, von Italien und von vielem mehr. Ich habe Fragen. Ich komme gar nicht hinterher, wo dieser Singer-Songwriter jetzt eigentlich herkommt und was er so macht außer Gitarre spielen. Und dann erzählt er auch noch von diesem italienischen Schlager „Buonanotte Fiorellino“, den er Konstantin Wecker hunderte Mal vorgespielt habe, bis er ihn dann eingedeutscht habe und selber in sein Programm aufnahm. Ironie? Wahre Geschichte? Später wird sich dann herausstellen, dass er tatsächlich mit Konstantin Wecker befreundet ist, mit ihm schon mehrmals auftrat und sein letztes Album auf Weckers Musiklabel „Sturm & Klang“ erschien. Doch ist das nun ein südtirolischer Wiener auf einer Schweizer Alm oder ein wienerischer Schweizer auf einer südtiroler Alm oder, oder... ich habe Fragen. Was zeichnet diesen Singer-Songwriter aus, der mit seiner Partnerin an der Geige auftrat? Gesellschaftskritik? Satire? Gefühlige Liebeslieder? Italienische Schlager? Volksmusik in Südtiroler Dialekt? Ein wilder Parforce-Ritt durch halb Europa und viele Genres, bei dem man vor lauter Schwindel gar keine Fragen mehr stellen mag. Außer: Wer ist das und wo kann ich mehr von seinen Songs hören? Das Publikum ist jedoch weit weniger konzentriert auf der Suche nach dem Sinn des Songwritings. Aber diejenigen, die er überzeugte mit seiner Musik, lauschten aufmerksam und klatschten brav.
Ich habe Fragen. Will mir denn Gert Steinbäcker dieses Stehplatz-Konzert in einer ehemaligen Diskothek mit „Hitze inkludiert“, wie er sagte, als Sommerkonzert verkaufen? „Sommerkonzert“ nennen Musiker schon seit jeher Konzerte, die im Sommer stattfinden und mit weniger technischem und musikalischem Aufwand stattfinden bei gleichbleibenden Ticketpreisen. Nein, ich habe keine Fragen. Es ist kein Sommerkonzert, wenn man in einer ehemaligen Diskothek schwitzend in einer dichten Atmosphäre und ordentlichem Sound der Musik zuhört. Es ist ein zeitlich gekürztes Konzert bei gleichem Ticketpreis. Was für ein Glück, dass Dominik Plangger eine erfreuliche musikalische Entdeckung wurde und kein Lückenfüller war.
Ich habe Fragen. Irgendwelche Songs fehlten im Vergleich zu der Setlist der letzten Tour, die eigentlich die vorletzte war. Doch welche? Wenn man Kinder hat, gleicht das Erinnerungsvermögen eher einem Strudel unter der eisenen Brücke denn einer geradlinigen und effizienten Strömung des Europakanals von Regensburg. Eine erlesene Auswahl namhafter Musiker ist auch dieses Mal die Band: Ulli Bäer an der Gitarre sang wieder den Klassiker von Georg Danzer „Lass mi amoi no d'Sunn aufgeh' segn“ sowie einen eigenen Song, Maria Ma am Hackbrett und Keyboard, Günther Grasmuck von Opus am Schlagzeug sowie Erich Buchebner von STS am Bass. Als Gäste waren wieder mal Costas Maginas an der Bouzouki sowie der alte Jugendfreund Thomas Spitzer dabei. Auch dieses Mal sang Gert Steinbäcker zwei EAV-Songs: „Oh nur Du“ sowie „Total verunsichert“ — beides frühe Singles der EAV und auch im Original von Gert Steinbäcker gesungen. Thomas Spitzer spielte dazu spielfreudig die Gitarre. Gerüchten zufolge soll sich Thomas Spitzer ein bisschen an den Saiten vergriffen haben bei den Soli, aber ich habe vor lauter Begeisterung über seine Freude auf der Bühne nichts gehört. Wie ein Rentner, der pfeifend und die Polizisten auf der anderen Straße grüßend bei rot über die Ampel geht, ist Thomas Spitzer mittlerweile losgelöst von allen Zwängen. Perfektionissmus war gestern, musikalischer Hedonismus ist heute.
Keine Fragen ließ die Songauswahl des Abends übrig. Das Publikum war textsicher bei „Großvater“, „Irgendwann bleib i dann dort“ und der Zugabe „Steiermark“, bei der Thomas Spitzer nochmals die Gitarre würgte. Und auch ansonsten war das gemischte Publikum ganz Feuer und Flamme, obwohl es eh schon so heiß war. Überraschung des Abends war der STS-Song „Das neue Vaterland“, welcher das Wiederaufflammen des Nationalsozialismus anhand der Biografie eines jungen Manns zeichnet, der in einer „Sportgruppe“ landet. Damals sei das ein wichtiges Thema gewesen, meinte Steinbäcker in der Anmoderation, und meinte damit unausgesprochen, dass dieses Thema auch heute leider aktueller denn je ist. Auch wenn sich der Bazillus Nationalis nicht als Glatzenträger oder „Wehrsportgruppe“ zu erkennen gibt, sondern vielmehr im konservativen, biederen alternativen oder freiheitlichen Gewand daherkommt.
Ich habe Fragen. War das nun eines der letzten Konzerte von Gert Steinbäcker? Werde ich Thomas Spitzer nochmal auf einer Bühne sehen? Fragen über Fragen. Die Luft da draußen vor der Halle ist von Würschtlduft und Sommerbrise erfüllt. Der Mond singt. Niemand brüllt mehr. Wohltuend entschädigt die lauwarme Kühle da draußen, weit draußen von überall, für das Crescendo der Auspark-Symphonie. Blechlawine um Blechlawine bildet sich hier ganz weit draußen von überall und füllt die akkurat gezogenen Gewerbegebiet-Straßen, während sich die Parklücken vor, neben und hinter allen Gewerbebehausungen leeren. Ich nehme viele Eindrücke mit auf der Fahrt zurück in die Donaustadt. War es die letzte Pilgerfahrt, das letzte Mal? Im Appartement zurück seh ich betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.
Autor: Alexander Mayer
Letzte Änderung: 01.09.2026
