Notizen über die allgemeine Verunsicherung

Im Obermühlenrausch

Gastbeitrag von Wolfgang Hofer

Nach einem Gourmet-Essen in einem schottischen Restaurant packe ich mich mit Alex ins Auto in Richtung Village/Habach zum Stranzinger-Konzert. Durch den Luise-Kisselbach-Platz windend landen wir irgendwann auf der Garmischer Autobahn und nach 110 Kilometern unterm Schnitt stören wir an der Abzweigung Habach ein vollbepacktes Mädels-Auto beim Austreten, um nach dem Weg ins Village zu fragen, der uns dort nicht geebnet wird, sondern erst in Habach von einem Schuhbänderbinder vor dem Haus.

Unser erster Weg in Richtung Obermühle war also doch der richtige, nur dass man annehmen musste, man hätte jetzt das Ende der Welt erreicht. Im zweiten Versuch folgen wir der Straße nach unten und finden eine verlassen wirkende Mühle und einen verwaisten Parkplatz vor. Jetzt steht da ein blaues Auto mit zwei irritierten Insassen. Durch den Garten am Holzschuppen vorbei wandernd erreichen wir das „Village“, das laut dem schabatragenden Wirt schon alles war, vom Gourmettempel bis zum Puff. Jetzt ist es seit 16 Jahren ein Blues-Rock-Schuppen. So urig, wie es außen ausschaut, malerisch in die Landschaft gepflanzt, sieht es auch innen aus. Ein interessanter Fleck Erde, der nach Independent riecht.

In Front of the House machen wir gleich Bekanntschaft mit einem der ersten Gäste, mit dem wir uns dann auch den Platz ganz vorne vor der kleinen, aber feinen Bühne reservieren. Ein Pils, eine Cappuccino-Schorle und einen Spezi später warten wir auf den Auftritt von Reinhard Stranzinger und dessen Band um Bassist Christoph Navratil und Schlagzeuger David Pernsteiner. Die Jungs lassen sich Zeit, ist es heute doch wohl mehr ein Jammen vor alten Freunden und alten Fans aus Goisern-Zeiten. Alex und ich sind da wohl eher die den Rahmen sprengende Veranstaltung (weil wir den Sargnagel noch nicht über uns schweben haben). Gegen 21:30 startet dann mit „Weit weg“ das musikalische Feuerwerk der drei Österreicher, die hier zünftig und kräftig aufspielen.

Ich gebe zu, dass ich mich mit Oropax schütze, da mir der Bass doch ein bisschen zu sehr im Ohr dröhnt und das Schlagzeug sich zu sehr mit seiner Wucht in meine Ohrmuscheln drängt, aber das liegt einfach am kräftig aufgedrehten Sound nicht an der Spielkunst der Deierband, die hier wirklich alles gibt, um die Bude zu rocken und dies vom ersten Song an meisterlich schafft. Die Setlist ist eine Mischung aus den zwei Alben „Ois oder nix“ (übrigens über Reinhard Stranzinger im Eigenvertrieb wieder erhältlich) und des neuen Studio-Albums „Wir san ned aus Zucker“, welches Alex schon ausführlich auf www.verunsicherung.de besprochen hat. Dazwischen hat „Stranzi“ einiges zu erzählen, was dem Abend einen sehr persönlichen Anstrich gibt, der nochmals aufwertet, was man bislang schon von den Platten kennt. Die große Spielfreude und Lässigkeit der Band erfreut das anwesende Publikum, in dem sich auch Hans Franek befindet. Er hat den Song „Amerika“ geschrieben, den er aber mangels Textkenntnis dann doch lieber nicht mitsingen möchte. Im Gespräch am Ende des Konzerts erfahre ich, dass er mittlerweile überwiegend Filmmusik macht (u. a. stammen 18 Tatorte, überwiegend aus Hamburg von ihm), weil ihn die Bayern wohl nicht wollen und der geschlagene Pfennig nie was gilt.

In der Pause haben wir auch Gelegenheit mit der Band zu plaudern. Alles wirkt wie ein Familientreffen und wir zwei sind mitten hineingeraten und zumindest mich hat die Atmosphäre angesteckt. In der zweiten Hälfte nimmt die Band noch mehr Fahrt auf. Nachdem wir mit „Feindfahrt“ mit einem genialen Instrumental in die Pause verabschiedet wurden, setzt die Band mit „Der Tefi sois hoin“ und „Ois oda nix“ die Rockbrett-Arie fort. Und weil Stranzinger ein Gefühlsmensch ist, bleibt er in Fahrt, anstatt dass ursprüngliche im Set vorgesehen „Deine roten Haar“, das er einer alten Liebe gewidmet hat, zu spielen bringt er „Gib ma dei Feuer“, das er seiner kalifornischen Frau widmet. In seinen Liedern erzählt Reinhard Stranzinger viel Persönliches. Da geht es in „An Schriatt z’weit“ um einen Kumpel, der für 6 Jahre im Häfen gelandet ist, da singt er in „Rosalie“ über Männer, die ihre Frauen gnadenlos ausnützen, wünscht sich in „Oamoi“ zurück in seine Jugend, um nochmals richtig draufzuhauen. Fast möchte man jodeln, wenn er in „Die Sunn“, sicher eine Reminiszenz an seine Zeit bei „Hubert von Goisern & Die Alpinkatzen“, die Sonne besingt, die sich sicher nicht nur er nach diesem langen Winter wünscht. Der kränkelnde Bandleader ist von seiner ganzen Haltung her ein kerniger Geselle, ein Mensch, bei dem man weiß, was man hat und kriegt. Das verleiht ihm eine Authentizität, die auf das Publikum überspringt und den Abend zu einem unvergesslichen Abend werden lässt. Seine Band darf sich in „Rastlos“ grandios austoben und schon geht ein schöner Abend zu Ende, den wir mit einem Gruppenfoto mit der Band beenden und „Ois oder nix“ im Auto hörend bis mit nach Hause nehmen.

Letzte Änderung: 28.05.2012